Im Vor­der­grund

Ein Kon­zept, auf das wir uns in der Gestalt­beratung ganz grund­le­gend be­zie­hen, ist die Dy­na­mik von Hintergrund–Figur–Vorder­grund: Wenn uns et­was an­regt, sei dies aus ei­nem Be­dürf­nis oder aus ei­nem In­ter­es­se her­aus, dann bil­det sich vor un­se­rem ge­gen­wär­ti­gen Hin­ter­grund (d.h. un­se­rer Bio­gra­fie, un­se­rer Er­fah­rung, un­se­rer all­täg­li­chen Si­tua­ti­on und Grund­ver­fas­sung, un­se­rer Ge­wohn­hei­ten etc.) eine ent­spre­chen­de Fi­gur her­aus. Die­se Fi­gur ge­langt nun in den Vor­der­grund un­se­res Ge­wahr­s­eins und bin­det da un­se­re Auf­merk­sam­keit und En­er­gie, da­mit wir uns mit ihr aus­ein­an­der­set­zen. Für die­ses Prä­gnant-wer­den im Vor­der­grund resp. die gan­ze Dy­na­mik von Hintergrund–Figur–Vorder­grund ver­wen­den wir auch den Be­griff «Ge­stalt». Ge­stal­ten sind kom­plex und ste­tig in Be­we­gung.

Im Vordergrund
Wel­ches Bild­ele­ment schafft es in den Vor­der­grund Ih­res Ge­wahr­s­eins? Der Tisch? Der Was­ser­fleck dar­auf? Die Spie­ge­lung des Sän­tis-Wet­ter­wart­hau­ses?

So­bald wir uns ei­ner Ge­stalt auf eine für uns sinn­vol­le Wei­se an­neh­men und zu­wen­den konn­ten, und erst dann, kann sie sich in den Hin­ter­grund zu­rück auf­lö­sen resp. in­te­griert wer­den. Wir sind dann nicht nur um eine Er­fah­rung rei­cher – und um die­se qua­si ge­reift –, son­dern wie­der frei und emp­fäng­lich für den näch­sten Ab­lauf die­ser Art. Es kann sich da­bei um ei­nen sehr kur­zen Pro­zess han­deln, z.B. ein Hun­ger­ge­fühl und des­sen Be­frie­di­gung, oder es kann um län­ger dau­ern­de Pro­zes­se ge­hen, z.B. Aspek­te ei­ner Be­zie­hung. Kann eine Ge­stalt nicht zu­frie­den­stel­lend in den Hin­ter­grund ent­las­sen wer­den, taucht die­se im­mer wie­der auf und bin­det un­se­re Auf­merk­sam­keit und En­er­gie wie­der­holt als ein «nicht ab­ge­schlos­se­nes Ge­schäft» resp. eine «noch of­fe­ne Ge­stalt».

So le­ben wir als uns selbst re­gu­lie­ren­de Or­ga­nis­men in ei­nem Or­ga­nis­mus-Um­welt-Feld, in ei­nem fort­wäh­ren­den Fluss aus sich öff­nen­den und schlies­sen­den Ge­stal­ten. Wird die­ser Fluss blockiert, ge­rät un­ser Le­bens­pro­zess ins Stocken, wir stecken fest.

Wann eine Psy­cho­so­zia­le Be­ra­tung in An­spruch neh­men?

Als ich selbst vor Jah­ren eine Be­ra­tung auf­such­te, mach­te die Be­ra­te­rin mich auf die bei­den «L» auf­merk­sam, die uns Men­schen zu Ver­än­de­rung an­trei­ben wür­den. Das eine «L» ste­he für «Lei­den», das an­de­re für «Lust».

Beim Lei­den den­ke ich an den oben be­schrie­be­nen Le­bens­pro­zess, der ins Stocken ge­ra­ten ist. Ganz ver­ständ­lich, dass Fra­gen aus den Span­nungs­fel­dern «Leben–Vergänglichkeit–Sterben», «Einsamkeit–Beziehung», «Ohnmacht–Freiheit» und «Sinnlosigkeit–Sinnfindung» jede und je­den von uns im­mer wie­der be­schäf­ti­gen. Es ist auch nor­mal, dass wir ab und zu un­se­re Be­dürf­nis­se nicht recht er­ken­nen oder ein­ord­nen kön­nen, im Um­gang mit un­se­ren Mit­men­schen an Gren­zen stos­sen oder in ei­ner Be­zie­hung an ei­nen schwie­ri­gen Punkt ge­lan­gen. Wenn uns ein äus­se­res Er­eig­nis aus der Bahn wirft und wir die of­fe­ne Ge­stalt nicht sinn­voll zu schlies­sen ver­mö­gen, kann eine Psy­cho­so­zia­le Be­ra­tung Ent­la­stung brin­gen ... und den Le­bens­pro­zess wie­der in Gang.

Und es gibt die Lust – Lust auf Ent­fal­tung, auf Ent­wick­lung, auf Ver­än­de­rung. Hier kön­nen eben­falls Fi­gu­ren in den Vor­der­grund ge­lan­gen, Ge­stal­ten sich öff­nen. Viel­leicht füh­len wir uns dazu in­spi­riert, uns zu fra­gen: «Was ist mei­ne Rol­le, mein Bei­trag? Was ver­leiht mei­nem Le­ben Sinn?» Oder: «Wie na­vi­gie­re ich durch eine kom­ple­xe, un­ge­wis­se Welt mit be­schränk­ten Res­sour­cen?» Und auch hier kann eine Psy­cho­so­zia­le Be­ra­tung un­ter­stüt­zen, in­dem sie uns hilft, stim­mi­ge Ant­wor­ten aus uns selbst zu fin­den und die ei­ge­ne Wahr­neh­mung und Be­wusst­heit auf ein neu­es Ni­veau an­zu­he­ben.

Wenn ein «L» also prä­gnant und viel­leicht hart­näckig im­mer wie­der im Vor­der­grund auf­taucht, ist das kein Grund zu ver­zwei­feln. Es kann ein Zei­chen da­für sein, eine Ein­la­dung auch, dass wir «reif» für eine Psy­cho­so­zia­le Be­ra­tung sind.

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